AKTUELL : 1. Die Kandidaten zumPreis der Leipziger Buchmesse 2021 - 2. Philippe Jaccottet - 3. Urs Jaeggi - 4. Adam Zagajewski

SHORTLIST der LEIPZIGER BUCHMESSE 2021
 
 
Artikel aus Deutschlandfunk KULTUR:   Wiebke Porombka und Christian Rabhansl im Gespräch mit Andrea Gerk
 
Die Shortlist des Leipziger Buchpreises im Jahr 2021: Was ist von der Auswahl zu halten? (Verlag Walther König, Literaturverlag Droschl, Suhrkamp Verlag, Die Andere Bibliothek, Guggolz Verlag, dtv, Secession-Verlag, Rowohlt Verlag, Kiepenheuer & Witsch, S. Fischer Verlag, Deutsche Verlags-Anstalt, Matthes & Seitz Berlin, Verlag Antje Kunstmann)

Die Jury hat entschieden, welche 15 Titel ins Rennen um den Preis der Leipziger Buchmesse gehen. Bis Ende Mai steigt die Spannung. Dann werden die Gewinner in den drei Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung gekürt.

Auch wenn das große Messespektakel vor Ort nicht stattfinden kann: Der Preis der Leipziger Buchmesse wird auch im Jahr 2021 herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen auszeichnen und ist mit insgesamt 60.000 Euro dotiert.

Nun hat die Jury die je fünf Nominierten in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung bekannt gegeben. Was steckt in der Shortlist? Das Urteil von Literaturredakteurin Wiebke Porombka und Sachbuchredakteur Christian Rabhansl fällt durchwachsen aus.

Belletristik
Iris Hanika: „Echos Kammern“, Literaturverlag Droschl
Judith Hermann: „Daheim“, S. Fischer Verlag
Christian Kracht: „Eurotrash“,Kiepenheuer & Witsch
Friederike Mayröcker: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“, Suhrkamp Verlag
Helga Schubert: „Vom Aufstehen“, dtv

Zur Shortlist meint Literaturredakteurin Wiebke Porombka: „Was vor allem augenfällig ist und wie eine programmatische Entscheidung der Jury erscheint: Unter den Belletristik-Nominierungen ist keiner der Romane, über die in diesem Frühjahr viel gesprochen wurde und die man unter dem Stichwort Identitätspolitik subsumieren könnte. Bücher etwa von Sharon Dodua Otoo oder Mithu Sanyal.

Und auch jenseits dessen wirft die Liste doch größtenteils zusätzliches Licht auf Bücher, die ohnehin im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung stehen. Christian Krachts ‚Eurotrash‘, Helga Schubert ‚Vom Aufstehen‘ stehen schon auf der Spiegel-Bestsellerliste. Judith Hermanns ‚Daheim‘ wird sicher bald folgen. 

Und da ist man dann bei einer Grundsatzfrage, was die Kuratierung einer solchen Liste angeht. Natürlich muss man eigentlich sagen: Es geht, vollends kontextlos, nur um die Qualität einzelner Bücher. Und die sind im Falle dieser fünf Belletristik-Nominierungen ganz hervorragend.

Aber gerade in einer Zeit, in der es neue Bücher und junge Autoren pandemiebedingt so viel schwerer haben als sonst, hätte ich mir schon gewünscht, dass die ein wenig mehr bedacht werden. Friederike Mayröcker etwa ist eine vielfach ausgezeichnete Autorin, die ich natürlich verehre. Aber ich bin mir nicht sicher: Braucht sie eine Leipziger Liste?“

Sachbuch/Essayistik
Heike Behrend: „Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung“, Verlag Matthes & Seitz
Dan Diner: „Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg“, Deutsche Verlags-Anstalt
Michael Hagner: „Foucaults Pendel und wir. Anlässlich einer Installation von Gerhard Richter“, Verlag Walther König
Christoph Möllers: „Freiheitsgrade. Elemente einer liberalen politischen Mechanik“, Suhrkamp Verlag
Uta Ruge: „Bauern, Land. Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang“, Verlag Antje Kunstmann

Zur Shortlist meint Sachbuchredakteur Christian Rabhansl: „Eine grundsolide Liste mit fünf guten Büchern, die viele Leserinnen und Leser verdienen. Mir stellt sich trotzdem die Frage: Ergeben gute Bücher automatisch eine gute Liste? Eine Liste von Titeln, die wir jetzt, im Frühjahr 2021, zwingend lesen müssen?

Ich vermisse die Thesen und Themen, die dieses Jahr bestimmen: Bücher zum grassierenden Antisemitismus, wie die Pandemie unsere Gesellschaft gefährdet, zur Rassismus-Debatte, zum Abdriften von Teilen der Bevölkerung in eine geistige Parallelwelt voller Verschwörungen, zum Feminismus und mehr. Bitte nicht missverstehen: Alle fünf Bücher sind gut und haben auf den zweiten Blick dann doch einen Gegenwartsbezug.

In der Zusammenstellung wirkt die Liste auf mich aber allzu zeitlos, als habe sich die Jury ins Grundsätzliche flüchten wollen.“

Übersetzung
Ann Cotten – übersetzte aus dem Englischen „Pippins Tochters Taschentuch“ von Rosmarie Waldrop
Frank Heibert und Sonja Finck – übersetzten aus dem Französischen (Québec) „Der große Absturz. Stories aus Kitchike“ von Louis-Karl Picard-Sioui
Hinrich Schmidt-Henkel – übersetzte aus dem Norwegischen „Die Vögel“ von Tarjei Vesaas
Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren – übersetzten aus dem Englischen „USA-Trilogie. Der 42. Breitengrad / 1919 / Das große Geld“ von John Dos Passos
Timea Tankó – übersetzte aus dem Ungarischen „Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus“ von Miklós Szentkuthy

Am 28. Mai werden die drei Gewinner gekürt. Die Jury mit Jens Bisky an der Spitze musste ihre Auswahl aus insgesamt 389 eingereichten neuen Buchtiteln treffen.

 
 
 
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24. Februar 2021: Philippe Jaccottet ist gestorben, jede Zeile ist lesenswert.
Philippe Jaccottet, 1925 in Moudon/Waadtland geboren, lebte seit 1953 im südfranzösischen Grignan/Drôme. Für sein umfangreiches Werk wurde er u.a. mit dem Petrarca-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis ausgezeichnet. 2014 wurde sein Gesamtwerk in die Bibliothèque de la Pléiade aufgenommen. Auf Deutsch erschienen zuletzt Der Unwissende (Gedichte und Prosa, 2003), Truinas, 21. April 2001 (2005), die Anthologie Die Lyrik der Romandie (2008), Notizen aus der Tiefe (2009) und Sonnenflecken, Schattenflecken (2015).
 
Einer der bedeutendsten zeitgenössischen französischsprachigen Autoren, der Schweizer PhilippeJaccottet (* 30. Juni 1925 in Moudon, Schweiz, gestorben am 24. Februar 2021 in Grignan, Frankreich ), ist in den fünfziger Jahren in die Drôme gezogen. Es war diese Gegend, die die Landschaft als Motiv in seinem Werk vorherrschend werden liess. An seinem Haus steht immer ein Fenster offen: ein TrompeVœu, ein Sinnbild für einen Dichter, der sich offenhält und doch verschlossen bleibt.
„Seit Jahren habe ich, wieder und wieder, von diesen Landschaften gesprochen, die auch mein Aufenthalt sind. Am Ende wird man, fürchte ich, falls dies nicht bereits geschehen ist, mir vorwerfen, ich suchte dort eine Zuflucht vor der Welt und vor dem Schmerz; die Menschen und ihre Leiden (die doch soviel offenkundiger und hartnäckiger seien als ihre Freuden) zählten nicht genug in meinen Augen. Mir scheint jedoch, wenn einer diese Texte aufmerksam liest, er müsste diese Anschuldigung dort fast völlig widerlegt finden.“
«Kaum hatte ich diese Landschaften erblickt, spürte ich, dass sie mich lockten wie etwas, das sich entzieht. Ebenso war da etwas, das mein Denken, mein Schauen, mein Träumen mehr noch als meine Schritte unaufhörlich nach sich zog, etwas Ausweichendem entgegen.» Das Buch, aus dem das Zitat stammt, spürt dem Doppel¬ sinn seines Titels, Paysages avecfigures absentes, 1970 (Landschaften mit abwesenden Figuren, 1992), nach: Landschaften, in denen eine Abwesenheit spürbar wird, die in ihrer Vernehmbarkeit zu etwas Anwesendem wird.
Die Landschaft und ihr Licht. Das ist das tägliche Brot eines Dichters, der den Bildern beharrlich misstraut und vor übereilten Metaphern und bildhaften Gewissheiten Zurückhaltung übt. Er hält sich an das Unscheinbare, Alltäglichste. An Grashalme, Lichtverhältnisse, Wölken, Mauern, Regen, Wind.

 

I
La nuit n'est pas ce que l'on croit, revers du feu chute du jour et négation de la lumière, mais subterfuge fait pour nous ouvrir les yeux sur ce qui reste irrévélé tant qu'on l'éclairé.
Les zélés serviteurs du visible éloignés, sous le feuillage des ténèbres est établie la demeure de la violette, le dernier refuge de celui qui vieillit sans patrie...
II
Comme l'huile qui dort dans la lampe et bientôt tout entière se change en lueur et respire sous la lune emportée par le vol des oiseaux, tu murmures et tu brûles. (Mais comment dire cette chose qui est trop pure pour la voix?)
Tu es le feu naissant sur les froides rivières, l'alouette jaillie du champ...
Je vois en toi s'ouvrir et s'entêter la beauté de la terre.
III
Je te parle, mon petit jour.
Mais tout cela ne serait-il qu'un vol de paroles dans l'air?
Nomade est la lumière.
Celle qu'on embrassa devient celle qui fut embrassée, et se perd.
Qu'une dernière fois dans la voix qui l'implore elle se lève donc et rayonne, l'aurore.

 

 

 

 

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13. 2. 2021: URS JAEGGI ist gestorben. 

Mehr als 400 000 Mal verkaufte sich sein Buch zu "Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik Deutschland": Urs Jaeggi galt als einer der Ideengeber der Studentenbewegung der 1960er Jahre. Der Schweizer Soziologe  der auch als Künstler und Schriftsteller bekannt wurde, ist am Samstag, dem 13. 2. 2021 im Alter von 89 Jahren in Berlin gestorben.

"Manchmal war es ein etwas krummer Weg, aber ich habe mir alle meine Wunschträume erfüllt", sagte er zu seinem 85. Geburtstag der Deutschen Presse-Agentur. "Mir war es wurscht, wenn die Leute gesagt haben: Muss er denn das jetzt auch noch machen?"

Der 1931 in Solothurn geborene Sohn aus sozialdemokratischem Hause hatte immer den Wunsch, über den Tellerrand zu blicken. Er studierte Kunstgeschichte, Ökonomie und Soziologie in Genf, Berlin und Bern. Nach seiner Habilitation in Bern ging er an die Ruhr-Universität Bochum und später zur New School for Social Research nach New York.

"Ich weiß bis heute nicht, wie das zustande kam", sagte Jaeggi über den Erfolg seiner Analyse, dass eine vergleichsweise kleine Elite die Schaltstellen der Macht beherrscht. Freunde machte sich der undogmatische Denker damit nicht nur. Konservative hielten ihn für einen linken Rädelsführer, Ultralinke für einen "Scheißliberalen".

Den Konflikt arbeitete Jaeggi später in seinem autobiografischen Roman "Brandeis" (1978) auf: Es geht um einen Professor, den der ideologische Furor der Studentenbewegung zunehmend in einen Zwiespalt mit sich selbst treibt. Zusammen mit den Romanen "Grundrisse" und "Rimpler" wird daraus eine Trilogie zum großen gesellschaftlichen Umbruch der 68er Jahre.

  • Die gesellschaftliche Elite, Bern [u. a.] 1960
  • (mit Herbert Wiedemann) Der Angestellte im automatisierten Büro, Stuttgart 1963
  • (mit Robert Bosshard und Jürg Siegenthaler) Sport und Student, Bern [u. a.] 1963
  • Die Wohltaten des Mondes, München 1963
  • Die Komplicen, München 1964 (Neuauflage Freitag Verlag, Berlin 1982)
  • Berggemeinden im Wandel, Bern 1965
  • (mit Herbert Wiedemann) Der Angestellte in der Industriegesellschaft, Stuttgart [u. a.] 1966
  • Der Soziologe, Bern 1966
  • (mit Rudolf Steiner und Willy Wyniger) Der Vietnamkrieg und die Presse, Zürich 1966
  • Ein Mann geht vorbei, Zürich [u. a.] 1968
  • Ordnung und Chaos, Frankfurt am Main 1968
  • Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik, Frankfurt am Main [u. a.] 1969. Neue Ausgabe: Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik (1973). Fischer Taschenbuch 6510 ISBN 3-43601685-3
  • Arbeiterklasse und Literatur, Frankfurt am Main 1972 (zusammen mit Peter Kühne)
  • Für und wider die revolutionäre Ungeduld, Zürich [u. a.] 1972
  • Literatur und Politik, Frankfurt am Main 1972
  • Geschichten über uns, Frankfurt am Main 1973
  • (mit Sven Papcke) Revolution und Theorie, Frankfurt am Main
    • Bd. 1. Materialien zum bürgerlichen Revolutionsverständnis, 1974
  • Theoretische Praxis, Frankfurt am Main 1976
  • Brandeis, Darmstadt [u. a.] 1978 (Roman)
  • Gesellschaft und Bewußtsein, Hagen 1980
  • Grundrisse, Darmstadt [u. a.] 1981
  • Was auf den Tisch kommt, wird gegessen, Darmstadt [u. a.] 1981
  • (mit Manfred Fassler) Kopf und Hand, Frankfurt am Main [u. a.] 1982
  • Versuch über den Verrat, Darmstadt [u. a.] 1984
  • Fazil und Johanna, Frankfurt am Main 1985
  • (mit Schang Hutter) Heicho, Edition Mariannenpresse, Berlin-Kreuzberg 1985. ISBN 3-922510-32-9.
  • (mit Norbert Ledergerber) Solothurner Filmtage 1966 – 1985, Fribourg 1985
  • Rimpler, Zürich 1987
  • Soulthorn, Zürich 1990
  • (mit Remy Steinegger) Tessin, Zürich 1991
  • Spinoza i(s)st.... , Städtische Bühnen Freiburg [2000], Bühnenbild, Musik, Inszenierung: Art Clay
  • Kunst, Berlin 2002
  • Durcheinandergesellschaft, Frauenfeld Stuttgart Wien 2008
  • Wie wir. Roman. Huber [etc.], Frauenfeld 2009
  • Follisophie. Gedichte und Prosa. Klever Verlag, Wien 2013
  • Kunst ist überall. Aufsatzsammlung. Ritter, Klagenfurt 2014
  • Heimspiele. Prosa. Ritter, Klagenfurt 2015
  • Ein Vogel auf der Zunge. Lyrik und Prosa. Klever, Wien 2019
  • Lange Jahre Stille als Geräusch. Wewerka Edition, Berlin [2000?], auch erschienen als Hörspiel auf DVD-ROM, DLR, [Berlin] 2005, Regie: Stefanie Hoster; Komposition: Sabine Ercklentz

Herausgeberschaft

  • Sozialstruktur und politische Systeme, Köln 1976
  • Theorien des historischen Materialismus, Frankfurt am Main (zusammen mit Axel Honneth)
    • Bd. 1 (1977)
    • Bd. 2. Arbeit, Handlung, Normativität, 1980
  • Geist und Katastrophe. Studien zur Soziologie im Nationalsozialismus. Wissenschaftlicher Autoren-Verlag, Berlin 1983
  • Mauersprünge, Reinbek bei Hamburg 1988
  • Zeitweiliger Mitherausgeber der Blätter für deutsche und internationale Politik

Ausstellungskataloge

  • Bilder von Urs Jaeggi, Solothurn 1985
  • Urs Jaeggi, Bern 1990
  • Urs Jaeggi, Figuren, Zürich 1991
  • Urs Jaeggi: treppen, fliegen, köpfen, worten, Berlin 2004

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Adam Zagajewski, 1945 in Lemberg geboren und 2021 in Krakau gestorben, studierte Psychologie und Philosophie in Krakau. Er lehrte regelmäßig an der University of Chicago. Adam Zagajewski ist Autor zahlreicher Lyrik- und Essaybände sowie mehrerer Romane und wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Eichendorff-Literaturpreis (2014), dem Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste (2015), dem Leopold Lucas-Preis (2016), dem Jean Améry-Preis für Essayistik (2016), dem Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur (2017) und dem Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste (2019). Seit 2015 war Adam Zagajewski Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 

 

In seinem gerade erschienen Essayband stellt er auf wunderbare Art und Weise für ihn wichtige Schriftsteller und Schriftstellerinnen in ein erstaunlich neues, zum Teil ganz persönliches Licht. Seine Essays über Czesław Miłosz, W.G. Sebald, Wisława Szymborska und viele mehr sind kleine Offenbarungen. Über das Werk, die Zeit und das Leben der Porträtierten. Aber auch über das eigene Schreiben und den Essay selbst, diese bedrohte Form, die wie keine andere die Beweglichkeit der Gedanken verteidigt. In feinster Prosa entspinnt Zagajewski seine Suche nach dem Wesen der Dichtung, nach ihren Bedingungen und ihrer Aufgabe.

Als sich der große Dichter und Essayist Adam Zagajewski vor ein paar Jahren in der Darmstädter Akademie vorstellte, trug er sein Gedicht Selbstbildnis vor, eine Ich-Inventur aus den frühen Neunzigerjahren. "In der Musik", heißt es da, "finde ich Kraft, Schwäche und Schmerz, die drei Elemente./ Das vierte hat keinen Namen./ Ich lese Dichter, die lebenden und die toten, lerne von ihnen/ die Ausdauer, den Glauben und den Stolz." Damit waren die Überlebensstrategien eines Emigranten benannt – seine Ankerpunkte in der Poesie und der Musik, die den humanistisch gebildeten Weltbürger den Schmerz des Exildaseins zu überstehen halfen.

 

In : Adam Zagajewski. Poesie für Anfänger

Carl Hanser Verlag (29. März 2021) 280 Seiten , ISBN : 978-3446267671 , Originaltitel : POEZJA DLA POCZATKUJACYCH , 24.- €

 

Traurig, müde

Traurig, müde, häßlich und einsam

Stehst du am Fenster, vor der Leinwand,

Genannt die Straße, Welt oder Stadt,

Frau Arnolfini, vom Mann getrennt.

Es schaukelt, es schaukelt Bergsons Insekt,

Gefangen im Spinnennetz. Zwischen uns

Fließt der Ozean. Zwischen uns schlafen

Zyklone. Zwischen uns schlummern Kriege.

Die fremde Fremdheit, die sich langweilt. Zwischen uns

Zählen die Generale ihre Pfeile im Köcher.

Zwischen uns lodert die Sehnsucht. Traurig,

Müde, häßlich und einsam, warte,

Öffne den weißen Fächer des Fensters.

 

In: Die Wiesen von Burgund

Ausgewählte Gedichte

Herausgegeben und aus dem Polnischen übersetzt von Karl Dedecius. Im Mittelpunkt von Adam Zagajewskis poetischen Erkundungen steht Europa: europäische Musik und Philosophie, Europas Architektur und seine Landschaften, aber immer auch des Dichters eigene Geschichte. Er, den seine Ironie davor bewahrt, ein reiner Elegiker zu werden, verkörpert so tief wie kaum ein anderer das europäische Bewusstsein mit allen Ambivalenzen.

Carl Hanser Verlag, München 2003
ISBN 9783446203662
Gebunden, 176 Seiten, 18 EUR

 

Dieser Gedichtband, der eine Auswahl der Lyrik des polnischen Autors aus allen seinen Werkphasen enthält, gibt Jan Wagner einen "mitreißenden Einblick" in das Werk Adam Zagajewskis. Zugleich sei dieser Band so etwas wie ein "Resümee" seines bisherigen Schaffens. An "kaum einer Stelle", auch bei den rund ein Drittel des Bandes ausmachenden neueren Gedichte, lässt sich nachlassende "poetische Intensität" feststellen, erklärt ehrfürchtig der Rezensent.

 

Adam Zagajewski: „Ich habe keine Heimat im engen Sinne wie Leute, die als Kinder sich mit dem Gebiet identifiziert hatten, wo sie geboren waren und wo sie in die Schule gingen. Für mich es war schon Gleiwitz, aber nicht ohne Reservation. Denn meine Familie hat mir angedeutet: Das ist nicht deine Heimat. Deine Heimat ist geblieben, dort, in Lemberg. Natürlich, am Anfang habe ich das nicht akzeptiert. Für mich war Gleiwitz doch meine Welt. Aber später doch. Vielleicht war meine Heimat meine Kindheit, nicht geografisch bestimmt. Also, wie eine Brücke zwischen Lemberg und Schlesien.“

 

Spannung zwischen dem Konkreten und Abstrakten zeichnet auch die zahlreichen Essays des Autors aus. „Ich schwebe über Krakau“ ist der Titel der Erinnerungsbilder in Prosa, die im Jahr 2000 erschienen. Darin heißt es:

„Eine Minute lang erscheint die Welt unwirklich. Herausfordernd grüne Pappeln wiegen sich irreal. In den Pfützen spiegelt sich der graue Himmel, und das Abbild eines Flugzeugs, kaum größer als das einer Schwalbe, zittert, von der Sohle eines Passanten gestreift. Eine Minute lang erscheint die Welt als eine Gaukelei, ein billiger Kompromiß, eine Ablösesumme, vom redlichen, aber unbeholfenen Schöpfer einer Schurkenbande ausgehändigt. Die Gehsteige sind schräg. Die Erde rund. Der Mensch sterblich. Die Freiheit zweifelhaft.“

 

Adam Zagajewski

Ich schwebe über Krakau

Erinnerungsbilder

Carl Hanser Verlag, München 2000
ISBN 9783446199231
Gebunden, 286 Seiten, 19,90 €

 

Ich kann nicht Krakaus Geschichtsschreiber sein, obwohl mich Menschen und Ideen, Bäume und Mauern, Feigheit und Mut, Freiheit und Regen interessieren. Mich interessieren auch Hauswände und Mauern; der Ort, an dem wir leben, ist nicht gleichgültig für die Formung unserer Existenz. Die Landschaften dringen in unser Inneres ein und hinterlassen Spuren nicht nur auf der Netzhaut des Auges, sondern auch in den Tiefenschichten der Persönlichkeit.

 

Versuch's, die verstümmelte Welt zu besingen.
Denke an die langen Junitage,

und an die Erdbeeren, die Tropfen des Weins rosé.
An die Brennesseln, die methodisch verlassene
Gehöfte der Vertriebenen überwucherten.
Du mußt die verstümmelte Welt besingen.

Du hattest die eleganten Jachten und Schiffe betrachtet;
Eins davon hatte eine lange Reise vor sich,
ein anderes erwartete nur das salzige Nichts.
Du hast die Flüchtlinge gesehen, die nirgendwohin gingen.
Du hast die Henker gehört, die fröhlich sangen.
Du solltest die verstümmelte Welt besingen.

 

Der polnische Dichter Adam Zagajewski verdankt seinen Ruhm auch dem Gedicht "Spróbuj opiewać okaleczony świat" ("Versuch, die verstümmelte Welt zu besingen"), das nach dem Anschlag auf das World Trade Center im Magazin "The New Yorker" erschienen war. Wie viele polnische Dichter der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bewegt sich Zagajewski zwischen Philosophie und Mystik, zwischen Rationalem und Irrationalem, und schafft dabei einen Spagat, der normalerweise scheitern müsste. In "Unsichtbare Hand", hervorragend von Renate Schmidgall ins Deutsche übertragen, verbindet Zagajewski eine optimistische Abkehr von der Welt mit konkretem Mitgefühl und sozialer Verantwortung. Das gelingt ihm, indem er sich dem Unsichtbaren in der Welt zuwendet.

 

Adam Zagajewski

Unsichtbare Hand

Gedichte

Carl Hanser Verlag, München 2012
ISBN 9783446239906
Gebunden, 128 Seiten, 16 EUR

 

In seinen Gedichten ist Zagajewski immer unterwegs: Ob er den Flug der Mauersegler beobachtet oder seinen alten Vater, der das Gedächtnis verloren hat, ob er von der Natur oder Geistigem spricht, von Enthusiasmus oder Melancholie. „Die Dichter bauen ein Haus für uns - doch sie selbst/können darin nicht wohnen“

 

„Und jetzt überlegst du, ob du
zurückkehren kannst zu der Begeisterung
jener Jahre, ob du noch so sehr
nicht wissen und so sehr begehren kannst,
und so sehr warten, ein wenig einschlafen
und so geschickt wieder aufwachen,
dass du den letzten Traum nicht vertreibst
trotz der Dunkelheit des Dezembermorgens.
Die lange Straße, lang wie die Geduld.
Eine Straße, lang wie die Flucht vor dem Brand,
wie ein Wunschtraum, der niemals
endet.“

 

Adam Zagajewski: „Ich glaube, es gibt eine Welt der Poesie. Ich weiß nicht, wo sie ist. Aber jedes Gedicht soll daran anspielen. Ich weiß, es klingt ein bisschen mystisch, oder? Ich glaube, die Poesie existiert ontologisch. Es gibt irgendwo Poesie. Die ganze Kunst ist ein Versuch, eben die Tür zu dieser anderen Welt ein bisschen aufzumachen, also eine kleine Offenbarung.“

Der polnische Dichter und Essayist Adam Zagajewski war ein flanierender Weltbürger – und voller Sehnsucht nach seiner Heimat. Nun ist er im Alter von 75 Jahren gestorben. Schreiben sei für ihn etwas Metaphysisches gewesen, sagt der Essayist László Földényi.